Wohnquartier Altenhagener Weg - Hamburg

Erneuerung und Erweiterung einer Siedlung der späten 1950er Jahre

Referenz Arnold Brückner, Projektleitung in Springer Architekten, Berlin

Neubau von vier Punkthäusern mit 33 Wohnungen und 89 Tiefgaragenstellplätzen
Erneuerung und Erweiterung von sechs Zeilenbauten mit 123 Wohnungen

Die energetische Sanierung einer bestehenden Backsteinsiedlung aus den 1950er Jahren ist eher häufig in Hamburg anzutreffen. Die hier gezeigte Lösung jedoch ist beinahe einmalig zu nennen. (aus dem Juryvotum des Architekturpreises der Stadt Hamburg)

Bemerkenswert an der in den Jahren 1958-60 errichteten Siedlung ist der konsequente Städtebau mit den strikt nach Gesichtspunkten der optimalen Besonnung diagonal auf den Grundstücken angeordneten Gebäudezeilen. Ganz offensichtlich erkennen wir in Arne Jacobsens Wohnanlagen aus den späten 40er Jahren die Vorbilder für die etwa 10 Jahre später entstandene Anlage in Hamburg. Auch für uns behalten diese Vorbilder aus der Entstehungszeit der Siedlung ihre Gültigkeit. Die eigenständige Interpretation dieser Vorbilder bestimmt künftig gleichermaßen die Gestalt der umgebauten Bestandsobjekte und die der Neubauten. Indem sich der Bestand und dessen Umgestaltung und Ergänzung auf die gleichen architektonischen Wurzeln berufen, gelingt es, nicht nur innerhalb der Siedlung selbst eine Geschlossenheit herzustellen, sondern auch die Einbindung der Siedlung in den weiteren Kontext des Quartiers zu wahren. Dennoch ist auch die notwendige Neugestaltung in ihrer eigenen Zeitgebundenheit erkennbar. Die gestalterische Angleichung der Neu- und der Bestandsbauten ist sehr weitgehend. Eine signifikante Unterscheidung bleibt so fast nur noch in der unterschiedlichen städtebaulichen Disposition der Baukörper erkennbar. Während die bestehenden Gebäude als nach Südwesten orientierte Zeilen diagonal auf dem Grundstück angeordnet sind, besetzen die Neubauten auf nahezu quadratischen Grundflächen jene verbliebenen Dreiecksflächen an den Grundstücksrändern, die zuvor als Garagenhöfe genutzt worden waren. Im Unterschied zu den bestehenden Häusern sind die Neubauten auch mit ihren Eingängen konsequent den öffentlichen Straßen zugeordnet. 

Es erwies sich für die an den Vorbildern aus der Entstehungszeit orientierte architektonische Strategie als Vorteil, dass die Bauherrschaft sehr langfristig kalkuliert. An Stelle der sonst bei Sanierungen üblichen Wärmedämmverbundsysteme können bei diesem Projekt eine neue Ziegelfassade vor der Dämmung und Holz- Aluminiumfenster ausgeführt werden. In Neubauten und in den Aufstockungen der südlichen Abschnitte der Bestandsbauten werden insgesamt 48 neue Wohnungen mit 3-4 1/2 Zimmern geschaffen, die das bestehende Angebot aus 108 2-2 1/2-Zimmer-Wohnungen ergänzen. Durch diese moderate Nachverdichtung können nun auch größere, familiengerechte Wohnungstypen angeboten werden. Das Ziel, die hohe Qualität der Grünflächen zwischen den Wohngebäuden auch für die nachverdichtete Siedlung zu erhalten, führte zur Verlagerung nahezu aller Stellplätze in zwei Tiefgaragen unter den Neubauten. Trotz der Berufung auf die Vorbilder aus den 50er Jahren sind die gestalterischen Eingriffe in den Bestand erheblich. Sie berühren durchaus den Charakter der Siedlung. Die atmosphärische Veränderung ist auf den Südwestseiten mit den neuen durchlaufenden Balkonplatten und den raumhohen Fenstern besonders augenfällig. Dennoch: auch im Bild der umgebauten Häuser schwingt die Erinnerung an die Siedlung aus der Wiederaufbauzeit der frühen 60er Jahre mit. (Jörg Springer zum Deutschen Städtebaupreis 2008)

 

Ort:

Altenhagener Weg 1-6, Farmsener Zoll 9, 15, 19, Am Knill 24, 
D-22147 Hamburg

Bauherr: Helvetia Schweizerische Versicherungsgesellschaft AG, Frankfurt am Main
Bearbeitungszeitraum: März 2005 - Dezember 2007
eigene Leistung: Projektleitung, Einreichplanung, Polierplanung, Detailplanung
Bauzeit: 2006 - 2009
Wohnfläche: 8.900 m² (Altbau) + 3.000 m² (Neubau)
Bruttogeschossfläche:  23.500 m² (inkl. UG + TG)
bebaute Fläche: 5.350 m²
Grundstücksfläche: 22.150 m²
GFZ 0,54
GRZ 0,24
Errichtungskosten: 18.245.000 €
Projektpartner:

Landschaftsarchitektur: Georg von Gayl, Berlin
Tragwerkplanung und Bauphysik: Jockwer + Partner, Berlin
Haustechnik: pin - Planende Ingenieure, Berlin
Farbkonzept: Friederike Tebbe, Berlin

Auszeichnungen:

Gestaltungspreis der Wüstenrot Stiftung 2012 "Zukunft der Vergangenheit"
Nike des Bundes Deutscher Architekten 2010 für besonderes soziales Engagement
Deutscher Bauherrenpreis 2009 - Modernisierung: Hohe Qualität - Tragbare Kosten
Architekturpreis 2008 des Bundes Deutscher Architekten Hamburg
Architekturpreis 2008 der Freien und Hansestadt Hamburg "Zukunft im Bestand"
Deutscher Städtebaupreis 2008 - Sonderpreis "Die Stadt der Nachkriegsmoderne"

Nominierungen:

Fritz-Höger-Preis 2011 für Backsteinarchitektur, Kategorie Wohnungsbau
Architekturpreis des Deutschen Architekturmuseums DAM 2010

Veröffentlichungen:

best practice-Beispiel in der Ausstellung „Draußen: im Zentrum“ 
des Bundes Deutscher Landschaftsarchitekten Berlin/Brandenburg, 2015

Konvergenz von alt und neu
in VORteile - Das Backstein-Magazin 01/2013

energetisch sanieren gestalten. 
Leitfaden Baubestand nachhaltig weiterentwickeln. Berlin 2010
Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung (BMVBS) (Hrsg.)  

Green Lifebuilding - Sustainable Cities
Aldo Colonetti, Maria Berrini
Fondazione Le Triennale di Milano. 2010 

Energieeffizenz in Backstein - Modernisierung einer Hamburger Wohnsiedlung
von T. Feil
in Metamorphose 01/2009

Architektur in Hamburg. Jahrbuch 2008
Ullrich Schwarz, Dirk Meyhofer und Claas Gefroi (Hrsg.)
ISBN 978-3-88506-584-5
Junius Verlag, Hamburg, 2008

BDA Hamburg Architektur Preis 2008
Die Baujahre 2005 - 2008
Hildegard Kösters, Volker Roscher (Hrsg.)
Dölling und Galitz Verlag, 2008
ISBN 978-3-937904-72-6

Geliftet und verdichtet
Eine 50er-Jahre-Siedlung in Hamburg wird vorbildlich modernisiert und durch Neubauten ergänzt
von Jürgen Tietz
in Deutsches Architektenblatt, 11/ 2007

Vorbildliche Sanierung in Farmsen
Architekten nutzen Klimaschutz-Fassaden zur Stadtbild-Verbesserung
von Gisela Schütte
Die Welt, 31.10.2007

Hamburg: Bauen für die wachsende Stadt - Ein Architekturführer
Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt, Freie und Hansestadt Hamburg (Hrsg,)
jovis Verlag, Berlin, 2006
ISBN 3-936314-57-8

Pläne Projekte Bauten
Architektur und Städtebau in Hamburg 2005 - 2015
Jörn Walter (Hrsg.)
Verlagshaus Braun, Berlin, 2006
ISBN 3-935455-99-2

wettbewerbe aktuell 04 / 2004